Microsoft und der Weg zum Tablet PC


Früh übt sich…

Windows 95. Damit hat für mich damals alles angefangen. 1995 war ich gerade mal 10 Jahre alt und durfte unbeaufsichtigt am Pentium PC meines Onkels sitzen. Viel anfangen konnte ich damals mit dem OS noch nichts, ich war eher der DOS User, ließ mir alle DOS Befehle zeigen und lernte sie eifrig auswendig. Spielte damals meine ersten Lukas Arts Adventures: Monkey Island und Maniac Mansion. Eine Liebe, die ich bis heute pflege. Damals habe ich Windows eher als Randerscheinung wahrgenommen, DOS gefiel mir viel besser. Geändert hat sich meine Meinung erst mit Windows 2000, als ich meinen ersten eigenen PC bekam. Ein AMD Athlon 1GHz mit 128MB RAM. Dass ich unter den Jungs in meiner Klasse mit ihren Pentium 333MHz Rechnern der Held war, muss ich ja nicht extra erwähnen.

Viel Zeit ist seitdem vergangen und viele Rechner haben in mein Büro Einzug gehalten und sind heimlich, still und leise wieder verschwunden. Doch obwohl ich mittlerweile auf einen Apple Rechner umgestiegen bin, komme ich immer noch nicht ganz von Microsoft los. Und sei es nur in emulierter Form.

Gestern bin ich auf ein Bild gestoßen, dass mich zuerst köstlich amüsiert hat und dann sehr nachdenklich stimmte:

 Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Kleider machen Leute

2011 scheint jetzt das Jahr zu sein, in dem Microsoft sein erfolgreiches Betriebssystem der ersten echten Veränderung unterzogen hat. Windows 8 scheint neuer, eleganter und simpler als seine Vorgänger. Das neue Metro Design zieht die Aufmerksamkeit dermaßen auf sich, dass scheinbar in Vergessenheit gerät, dass es sich, streng genommen, nur um ein Overlay handelt. Unter dem neuen, frischen Äußeren arbeitet das selbe Dateisystem auf demselben alten Fundament. Win98 wurde damit gefeiert, Vista verteufelt. Doch woran liegt diese neue Begeisterung über das Betriebssystem, das auf der Welt am meisten verbreitet und auch am meisten verhasst ist? Ich wage es, stark zu bezweifeln, dass es nur an der neuen Bedienoberfläche liegt. Manch einer mag sich ja von einer neuen Erscheinung täuschen lassen, aber das Gros der Fachpresse müsste doch eigentlich andere Gründe haben.

Und genau diese anderen Gründe, machten sich zur IFA 2011 täglich in den Medien breit. Nicht das OS oder der Nutzer haben sich verändert, sondern die Auffassung der Anwender, was ein PC ist. Früher dachte jeder bei dem Wort Personal Computer an einen grauen Kasten, der alleine zunächst einmal gar nicht tut. Stöpselt man aber eine Maus, Tastatur und einen Monitor an, verwandelt sich der graue, oder grau-beige, Kasten in einen wahren Alleskönner.

Heute ist dieser graue Kasten nicht größer als ein Blatt Papier, braucht keine Maus oder Tastatur mehr und ist selbst der Monitor. Der neue PC ist tragbar, flach, leicht und sexy. Und genau so stellt sich der Nutzer auch das dazu gehörige Betriebssystem vor: sexy. Auch auf die Gefahr hin, als Chauvinist zu gelten, ziehe ich hier den Vergleich mit Damenschuhen zu Hilfe. Frauen sind dazu bereit, sich die Füße durch Schuhe zu ruinieren, die schlecht oder gar nicht passen, so lange der Schuh gut aussieht.

Windows 8 sieht nicht nur ansprechend aus, es lässt sich auch gut bedienen. Die Übergänge beim Öffnen einzelner Programme sind auch auf dem Desktop sehr flüssig gestaltet und machen einfach Spaß. Es ist ein ähnliches Phänomen, wie ich es erlebt haben, als ich zum ersten Mal ein Smartphone mit Windows Phone 7 OS in der Hand hatte. Zu Anfang sehr ansprechend und neu, verliert es aber schnell seinen Zauber, wenn man etwas genauer hinsieht. Wenig Apps, schlechte Anpassung der vorhandenen Apps an das Metro Design usw. Richtig Spaß machen eigentlich nur die Windows eigenen Apps. Aber wen wundert das schon?

So ungefähr verhält es sich auf mit Windows 8. Microsoft gibt an, dass alle “alten” Win32 Programm problemlos unter Windows 8 laufen werden und das im neuen Windows App Store Metro und Win32 Apps zukünftig Seite an Seite angeboten werden. Will man diese Programme momentan nutzen, muss man aus der Metro Oberfläche in die klassische Windows Oberfläche wechseln. Einziger Unterschied zu Win7: der Start Button unten links öffnet jetzt nicht mehr das Startmenü, sondern bringt den Nutzer zurück zur Metro Oberfläche. Ein Teufelskreis. Vermutlich werden viele Desktop Nutzer erst einmal einige Zeit damit verbringen, herauszufinden, wie es sich verhindern lässt, dass ihr PC in die Metro Oberfläche bootet. Ob das wirklich im Sinne des Erfinders ist, bleibt dahingestellt.

Verkaufsschlager Windows 8 Tablet?

Ein weiterer Punkt, über den man, im Bezug auf Microsofts neue Strategie, nachdenken sollte, ist die Zielgruppe für die neuen Windows Tablets. Die Geräte sind sexy und im Trend, das haben wir bereits geklärt. Der weitaus wichtigere Punkt ist allerdings der Preis.Windows Notebooks und auch Desktop Rechner sind heute schon für unter 500€ zu haben. Auch der Klassenprimus iPad schlägt in der 16GB Variante nur mit 499€ zu Buche. Dagegen wirken die Preise für Windows 8 Tablets geradezu lächerlich. Das HP Slate 500 wurde mit einem voraussichtlichen Preis von $799 vorgestellt, Samsung’s Series 7 Slate PC soll sogar einen Einführungspreis von $1099 haben. Damit sind diese beiden Produkte, die sich noch nicht einmal am Markt befinden, schon jetzt der Android Elite preislich so weit unterlegen, dass es einem fast die Tränen in die Augen treibt.

Kunden, die nach einem Tablet suchen, werde sich wohl kaum für ein Windows 8 Gerät entscheiden, wenn die Konkurrenz mit vergleichbarer Hardware die deutlich günstigeren Preise bietet. Experten sind sich einig, dass die hohe Preisspanne der Geräte vornehmlich an den Lizenzgebühren Microsofts liegt. Hersteller, die auf ein Android Betriebssystem setzen haben in dieser Hinsicht klar Vorteile.

Windows 8 Slate als PC Ersatz

Aber vielleicht sehe ich das auch alles falsch. Vielleicht werden wir uns in Zukunft auch vom Tablet als Zweit-PC weg bewegen und das es als alleinigen Rechner im Haushalt benutzen. Vielleicht tragen wir es nicht den ganzen Tag durch die Gegend, sondern besitzen ein Dock mit angeschlossener Tastatur und Maus. Apple hat den Begriff Trucks für seine Desktop Rechner erfunden. Die Arbeitsmaschinen, die schwer und behäbig ihren Dienst verrichten und kein Vergleich zu den Cars, den iOS Geräten, die leicht und mobil sind, die man immer mit sich führen kann. Vielleicht plant Microsoft auch die Kombination dieser beiden Geräteklassen. Vielleicht erleben wir bald den , das Tablet mit extrem viel Power für anspruchsvolle Aufgaben, aber auch für den Ausflug auf Facebook, unter der Bettdecke.

Vielleicht hat sich Microsoft ja seine Windows 8 Tablets genau so vorgestellt. Aber ist der Nutzer bereit für diese neue Art von Computer?

Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

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Verfasst von:

Matze berichtet ebenfalls als freier Autor für die Redaktion von Tablettest.net und bereichert diese mit zahlreichen und gründlich recherchierten News aus der mobilen Szene.

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